Wenn Theorien das Verstehen blockieren

Teilen

Theorien dienen eigentlich dem Erklären und Verstehen. Die wissenschaftliche Theorie und der Bezug auf diese Theorien in der Praxis soll doch am Ende auch ein Teil dessen sein, was den Laien von dem Professionellen unterscheidet.

Doch gleichzeitig kann es passieren, mir ist es passiert, dass eine Theorie als Interpretationsfolie das Verstehen des Patienten oder der Patientin erschwert, die Theorie wie eine Blockade zwischen mir und dem Patienten steht.

Nehmen wir das Beispiel der Theorien zu psychologischen Grundbedürfnissen als Teil der Persönlichkeits- und Motivationspsychologie. In einer dieser Theorien, der Basic Psychological Needs Theory (Deci & Ryan, 2000), werden drei Grundbedürfnisse angenommen: Erstens ein Bedürfnis nach Kompetenz, zweitens ein Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit und drittens eines nach Autonomie. Es soll nun gar nicht um den Inhalt dieser Bedürfnisse gehen, entscheidend an dieser Theorie ist, dass die Grundbedürfnisse als universell erachtet werden.

Entdecke ich nun bei einem Gegenüber, dass scheinbar das Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit nicht vorhanden ist, kein Drang, kein Wunsch nach sozialen Kontakten und Nähe deutlich wird und zugleich nichts die mögliche Abwehr eines solchen Bedürfnisses erklärt, dann drängt mich diese Theorie dazu, diesen Teil näher zu fokussieren, den Patienten darauf zu stoßen. Ich vermute eine Abwehr des Bedürfnisses, anscheinend darf die Bedürftigkeit nicht ins Bewusstsein dringen. Und so arbeite ich mich vielleicht aber an einer Abwehr ab, die es gar nicht gibt.

Vielleicht ist mein Gegenüber doch genau die Person, der Mensch, in dem es eben anders ist. Womit nicht gesagt sein soll, dass die Theorie am Einzelfall zu widerlegen ist. Es ist letztlich auch gar nicht auszuschließen, dass der Einzelfall eben doch ein Fall besonders starker Abwehr war. Aber durch die Theorie und ihre Fundamentalität entziehe ich mich ein Stück dem Phänomen und verschließe mich einem wirklichen Verstehen. Theorien fassen notwendigerweise unzählige Fälle in generalisierter Form zusammen. Doch egal, wie viele Fälle zur Theoriebildung hinzugezogen wurden, sollte ich Abstand davon nehmen, dass diese Theorie immer zu gelten hat und mein Handeln bestimmt. Nicht die Theorie selbst wird zum Problem, sondern der Moment, in dem sie zur einzigen möglichen Perspektive wird.

Und das bringt mich zurück zum Ausgangspunkt, zur Bedeutsamkeit und zur Rolle wissenschaftlicher Theorien. Professionalität ist noch nicht dadurch garantiert, dass ich eine Theorie anwenden kann, sondern dass ich mein Handeln reflektiere, vor dem Hintergrund von Theorien. Und manchmal kann diese Reflexion bedeuten, die Theorie etwas weniger strikt zu betrachten, um sich wieder zu öffnen für die Einzigartigkeit des Gegenübers.

Weiterlesen