Notiz 022: Wenn "das System" mit im Therapieraum sitzt
Regelmäßig entsteht in der Psychotherapie eine schwer zu tarierende Situation, die einen inneren Konflikt auslösen kann.
Stellen wir uns einen Patienten vor, der berichtet, er arbeite in einer großen Firma, bei der er am Fließband stehe und eine Tätigkeit immer und immer wieder ausführen müsse. Und stellen wir uns dann vor, wie dieser Patient im Therapiezimmer äußert, wie sinnlos ihm das alles erscheine, wie wenig ihn die Tätigkeit begeistere, er aber dennoch fast noch dankbar sein muss, wenn er nach der Ausbildung auch weiter dort arbeiten darf, denn nicht alle würden übernommen und er brauche nun mal ein Einkommen.
In dieser Lage entsteht das Problem in mir, ihm eigentlich sagen zu wollen, dass ich sein Erleben gut nachvollziehen kann, verstehen kann, warum diese Tätigkeit ihm leer erscheint und er sich etwas anderes vom Leben erhofft hat als diese gähnende Leere. Gleichzeitig bemerke ich, dass ich einerseits nicht dafür (mit) verantwortlich sein möchte, ob jemand den Job aufkündigt, andererseits liegt in der Tätigkeit sicher auch etwas Stabilisierendes, Wichtiges für den Patienten. Er bleibt tätig und es könnte die Sorge bestehen, dass ohne die Tätigkeit die gähnende Leere in das ganze Leben einfällt und keine Alternative entsteht.
Gleichzeitig besteht aber noch ein ganz anderer, ein gesellschaftlicher Konflikt. Ich spüre eine Erwartung, diejenigen, die erkrankt sind, so weit zu begleiten, dass sie wieder bereit sind für die Arbeit und wieder Beiträge für die Krankenkassen erwirtschaftet werden können, aus denen die Behandlung finanziert wird.
Es ist jedoch bezeichnend dafür, wie tief die Psychotherapie bereits eingebettet ist in das gesellschaftliche Miteinander, dessen soziale Kraft tendenziell über die Ader der Erwerbsarbeit gelassen wird. Es ist bezeichnend, dass ich Sorge davor habe, einen Patienten aus einer Tätigkeit zu begleiten, hinein in eine andere, aus einer Angst heraus, dass die Marktlage für eben diese Erwerbsarbeit zu unsicher ist, um auf eine positive Veränderung zu hoffen. Es ist bezeichnend, dass ich ihn eher in seinem Beruf belassen würde als die tiefe Sinnlosigkeit mit ihm anzuschauen.
Ich trage das System in solchen Momenten mit, obwohl ich das Hinterfragen von so manchen Tätigkeiten, das Anerkennen der Sinnlosigkeit für eine wichtige Erkenntnis halte. Ähnlich wie in anderen sozialen Berufen wird hier ein doppelter Auftrag wirksam. So geht es in der staatlichen Berufsberatung zum Beispiel nicht ausschließlich um den Klienten, sondern auch darum, was der Arbeitsmarkt benötigt.
Wann immer ein doppelter Auftrag spürbar wird, gilt es wachsam zu werden, die eigenen Gedanken und Interventionen gut zu prüfen. Schnell sitzt “der Staat” oder “das Versorgungssystem” mit im Therapiezimmer und für den Patienten wird spürbar, dass auch dieser sichere Raum von den Anforderungen der gesellschaftlichen Organisation erfüllt wird. Sie dürfen in dem Raum angeschaut werden, gefühlt werden, besprochen werden, aber sollten nicht durch mich das Wort ergreifen.