Über die Dankbarkeit
Dankbarkeit kann ein Gefühl sein, aber gleichzeitig muss doch zunächst anerkannt werden, dass Dankbarkeit ein Diktat ist, dass Imperative damit verbunden sind, die äußerst unangenehm sein können. Auf einer psychosozialen Ebene ist in vielen Fällen Dankbarkeit vielleicht sogar etwas, dem man sich am liebsten entziehen würde. Eltern zeigen sich aufgebracht darüber, dass die eigenen Kinder nicht wüssten, was sie für sie getan hätten und sie undankbar seien. Und eben diesen Eltern selbst wird in der Betreuung der eigenen Eltern vielleicht dasselbe vorgeworfen. "Sei dankbar" kann ein familiärer Imperativ sein, der die Generationen bedrückt und erdrückt.
Auf einer gesellschaftlichen Ebene besteht ein ähnliches Diktat der Dankbarkeit. In anderen Ländern geht es den Leuten doch viel schlechter. Man solle dankbar sein für die Institutionen, den angeblichen Wohlstand eines Landes, in dem nach Auffassung der Regierungsvertreter niemand auf der Straße leben müsste. Gleichzeitig ist die Betonung des Wohlstands des Landes für viele jedoch nichts anderes als zynisch.
Ich glaube dieser Hintergrund ist zu berücksichtigen, wenn man das Gefühl der Dankbarkeit therapeutisch aufgreifen möchte. Denn im Wesentlichen ist es ja durchaus so, dass Dankbarkeit, wenn sie wirklich als Gefühl empfunden wird und nicht nur als Auflage erlebt wird, ein heilsames Gefühl sein kann, ein stützendes Gefühl, indem der Fokus von der Belastung hin zu positiven Dingen des Lebens verschoben wird. Dankbarkeit bedeutet dann doch auch, dieses Positive wirklich hinein zu lassen, es im Sinne eines Geschenks anzunehmen, zu sich zu nehmen.
Was ist Dankbarkeit in diesem Moment eigentlich. Man kann sich etwas darunter vorstellen, aber gleichzeitig ist das, was den Affekt eigentlich ausmacht, recht undurchsichtig.
Wenn ich es für mich definieren müsste, dann wäre Dankbarkeit ein Ausdruck der Freude und Erleichterung darüber und der Hoffnung dahingehend, dass das Gute existiert.
In diesem Sinne hat Dankbarkeit doch zur Voraussetzung, dass ich einen Wert in der Welt oder in mir selbst sehe, im Kleinen oder im Großen. Ich erkenne einen Wert und erfreue mich daran. Wer sich selbst und alles um sich herum abwertet, der wird es schwer haben, Dankbarkeit als Gefühl zu erleben. Und gleichzeitig würde ich sagen, scheint bedeutsam zu sein, in beidem, in sich selbst und der Welt einen Wert zu erkennen. Wer nur in sich selbst einen Wert erkennt, der kann sich der Welt nicht annehmen. Wer nur einen Wert in der Welt erkennt, kann sich selbst nicht annehmen. Und erst wenn beides gelingt kommt vermutlich die vollständige Kraft der Dankbarkeit zum Tragen, indem ich einen Wert in der Welt und in mir selbst entdecke, entsteht eine Verbindung, ein Dazwischen, das mich trägt.
Dort ist Dankbarkeit kein Diktat mehr, sondern wird zu Resonanz.