Notiz 018: Über das Gefühl, nicht der passende Therapeut zu sein

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Vielleicht eher im stationären als im ambulanten psychotherapeutischen Rahmen gibt es die Erfahrung von Therapeut*innen, dass sich der Gedanke formt, eine andere therapierende Person könnte die jeweilige Therapie ja wesentlich besser gestalten - jemand anderes könnte besser zum Gegenüber passen.

Im stationären Rahmen ist dies vielleicht ein auffälligeres Gefühl, da die Vergleichsmöglichkeiten auf der Hand liegen und man sich schnell fragen kann, ob nicht jemand anderes aus dem Team geeigneter für diesen Menschen sein könnte. Vielleicht wird in diesem Rahmen gar antizipiert, dass der Patient oder die Patientin sich fragt, wie der Prozess wohl mit einer anderen Therapeutin aussehen würde. Und so kann ein Gefühl der Austauschbarkeit der eigenen Person aufkommen, und dieses Gefühl ist ein kompliziertes, tiefgreifendes. Es spricht ein vielleicht sogar grundlegendes Bedürfnis nach Verbundenheit an und danach, Bedeutung für jemanden zu haben. Vielleicht spricht es gar eine Erfahrung an, die viele mindestens einmal im Leben machen, nämlich in bedeutsamen Beziehungen tatsächlich ersetzt worden zu sein. Insofern geht dieser Gedanke, jemand anderes könnte den Prozess doch viel besser gestalten, über bloßen Leistungsdruck hinaus.

Dieser Leistungsdruck gehört ziemlich sicher im Erleben mit dazu. Dieser Gedanke legt eine ständige Aufmerksamkeit auf die eigene Kompetenz und die Reaktionen des Patienten nahe.

Und ich glaube in dieser Situation ist es, wie in vielen anderen, aber auch erneut wichtig zu fragen: Ist das eigentlich meine wahre Befürchtung oder handelt es sich hier um eine komplexe Gegenübertragung? Wenn Leistungsdruck aufkommt in der Therapie, ist es doch angebracht zu fragen, woher dieser Druck kommt und ob die therapierende Person nicht etwas spürt, was eigentlich die Innenwelt des Patienten abbildet - eine konkordante Gegenübertragung. Und nicht nur das. Vielleicht ist die Konsequenz aus dem Gefühl, nämlich das ständige Monitoring der Beziehung, aus einer gar unterwürfigen Position, ebenfalls ein Aspekt des Patienten und nicht nur einer des Therapeuten. Hier zeigt sich vielleicht ein Leistungsdruck, eine Selbstwertthematik, die sich gleichzeitig in der Beziehungsgestaltung niederschlägt. Vielleicht berührt die Frage nach der Austauschbarkeit auch ein Thema des Patienten selbst: die Sorge, in Beziehungen nicht bedeutsam zu sein oder ersetzt werden zu können.

Vielleicht ist die Vorsicht, die Angst, die Sorge in der therapeutischen Beziehung, die die therapierende Person erlebt, ein wichtiges diagnostisches Mittel zum Verständnis des Patienten.

In vielen Fällen liegt jedoch vielleicht auch nahe, dass es sich um eine Eigenübertragung handelt, um ein spezifisches Problem in dyadischen Heilberufen. Die Frage, ob jemand anderes die Therapie besser gestalten könnte, lässt sich schließlich fast immer mit “Ja” beantworten. Es wird vermutlich immer jemanden geben, der an einer bestimmten Stelle klüger reagiert hätte, einen anderen Zugang gefunden hätte oder besser gepasst hätte. Jedoch nimmt dies dem eigenen Zugang noch lange nicht den Wert. Und genau so wie es das Konzept der “good enough mother” gibt, könnte auch im therapeutischen Rahmen dies als Anspruch gelten, nicht der oder die perfekt Passende, sondern ein „good enough therapist“ zu sein.