Über das Gefühl, in der Therapie geprüft zu werden
In Erstgesprächen mit Menschen, die bereits therapeutische Erfahrungen gemacht haben, kann sich in den ersten Kontakten zu dem Gefühl einer Art mündlichen Prüfung einstellen. Einer Prüfung nicht des Patienten, sondern des Therapeuten oder der Therapeutin, indem weniger frei erzählt wird, sondern eine Situation entsteht, in der darauf gewartet wird, dass die “richtigen” Fragen gestellt werden – Fragen, die Symptome ordnen und Diagnosen andeuten. Fragen, mit denen das erfahrene Gegenüber bemerken kann “Ah, meine Therapeutin ist auf der richtigen Fährte”.
Leicht kann der Eindruck entstehen, das Gegenüber könne die eigenen Schwierigkeiten ohnehin beinahe selbst systematisch benennen und wie in einer mündlichen Prüfung kann nur unwahrscheinlich etwas gesagt werden, was das Gegenüber noch nicht weiß. Und in dieser Dynamik, die an eine Prüfungssituation erinnern lässt, zieht schnell der bewertende Charakter einer Prüfung mit in den Raum ein, wobei die Bewertung vielleicht zunächst eher kritisch und skeptisch ist. Manchmal fühlt es sich vielleicht sogar so an, als würde man in der eigenen Rolle belächelt werden.
Interessanterweise zeigt sich dieses Erleben nicht nur bei Therapeuten, die noch nah an der universitären Ausbildung und jeglichen Prüfungssituationen sind. In kollegialen Gesprächen wird deutlich, dass dieses Gefühl des geprüft und bewertet werden geteilt wird – selbst von Personen, für die Erstgespräche längst kein „Prüfungsszenario“ mehr darstellt.
In vielen Verläufen verliert sich dieser Eindruck vielleicht mit der Zeit. Das Gespräch löst sich aus der Struktur von Frage und Antwort, und an die Stelle eines impliziten Prüfens tritt ein gemeinsames Erkunden: von Bedeutungen, Konflikten, Bedürfnissen und Beziehungsmustern. Die stärker standardisierte Situation, die sicher deutliche Ähnlichkeiten zwischen den Therapierenden aufweist beginnt sich in etwas Einzigartiges, nicht so leicht Vorhersehbares zu entfalten.
In anderen Konstellationen jedoch bleibt dieses Gefühl bestehen. In der Gegenübertragung kann man sich hier eine Fülle von Reaktionen auf das Gegenüber vorstellen, zwei basale Reaktionen fallen mir aber besonders ins Auge, die beide auf ihre Weise herausfordernd sind: In der Prüfungs- und Bewertungssituation kommt es sicher schnell zu Angst und Wut.
So unterschiedlich diese Richtungen erst erscheinen, gehören sie hier einerseits gut zusammen, andererseits könnte man sagen, dass sie am Ende beide zu einem ähnlichen Ergebnis führen:
Angst kann in der Antwort des Therapeuten dazu führen, dass sich die Aufmerksamkeit verschiebt – weg vom Gegenüber hin zur eigenen Leistung. Es entsteht ein innerer Druck, „richtig“ zu arbeiten, der paradoxerweise gerade das erschwert, worum es eigentlich geht: das Verstehen und das Eintreten in die therapeutische Beziehung.
Stellt sich Wut ein auf das subtile Gefühl, geprüft oder fortdauernd bewertet zu werden, dann ist dies zunächst die vielleicht schwerer auszuhaltende Gegenübertragung, da sie in der therapeutischen Rolle einem ja moralisch fern liegen sollte, am Ende passiert aber doch etwas Gleiches wie bei der ängstlichen Reaktion. Regt sich Wut, weil das eigene Bedürfnis, nicht abgewertet zu werden, verletzt scheint, entsteht darauf vielleicht unterschwellig ein leiser, kaum greifbarer “Kampf”. Kampf nicht im Sinne eines offenen Konflikts, sondern im Sinne eines Gegeneinanders, welches das gemeinsame Arbeiten behindert.
Solche Dynamiken zeigen sich dann schon in kleinen, wiederkehrenden Mustern. Selbst scheinbar neutrale Rückmeldungen wie „gute Frage“ können – je nach Tonfall und Kontext – eine mehrdeutige Wirkung entfalten: als Anerkennung, aber auch als implizite Abwertung anderer Fragen oder therapeutischer Versuche.
Wichtig erscheint mir, dass mit der Zeit in solchen Prozessen doch häufig sichtbar wird, dass diese Bewegung im Gegenüber nicht nur nach außen gerichtet ist. Die wahrgenommene Abwertung spiegelt sich oft in einer ebenso wirksamen inneren Selbstabwertung. Die Schwierigkeit, sich selbst gegenüber eine wohlwollende Haltung einzunehmen, scheint dabei eng mit der Art und Weise verbunden zu sein, wie Beziehung erlebt und gestaltet wird.
In diesem Sinne ließe sich von einem narzisstischen Thema sprechen – nicht notwendigerweise im Sinne einer klar umrissenen Pathologie, sondern als Spannungsfeld zwischen innerer Unsicherheit, einer Schwierigkeit, sich selbst zu halten und äußerer Abwehr.
Tragisch ist dabei, dass genau dieses Muster das erschwert, was möglicherweise am wirksamsten wäre: den Aufbau und die Erfahrung einer stabilen, nicht abwertenden Beziehung.