Schreiben als Psychotherapeut*in
Mit dem Schreiben kürzerer oder auch längerer Texte begibt sich eine therapierende Person auf einen schmalen Grat. Wo schreiben ohne Selbstöffnung stattfindet, ist sie rein wissenschaftlicher Natur. Doch selbst im wissenschaftlichen Schreiben muss ein Thema ausgewählt und eine Argumentation entwickelt werden, die das Interesse und das Denken des der therapierenden Person ausdrückt. In irgendeiner Form werden durch das Schreiben auch Werte, Interessen und immer auch Bedürfnisse ausgedrückt, mindestens das Bedürfnis darüber, etwas festhalten zu wollen.
Jedes Schreiben kann also als eine Art Selbstöffnung verstanden werden, ganz explizit oder implizit im Material enthalten. Diese Selbstöffnung kann schnell zu Scham führen und im therapeutischen Prozess zu einer Unsicherheit. Hat die Person vielleicht gesehen, dass ich schreibe? Und wenn ja, wie hat das Gelesene den Blick auf die Therapie und den Therapierenden verändert? Ich denke, das Schreiben aus der therapeutischen Rolle heraus oder mit dieser Rolle anhaftend ist mit der Sorge verbunden, den Prozess dadurch zu behindern, Einflussfaktoren zu erzeugen, deren Auswirkungen nur schwer einschätzbar sind.
Der Therapeut kann sich in seiner Rolle sonst gut auf etwas zurückziehen, dass er größtenteils Teils verborgen bleibt als Person, wodurch immer eine Asymmetrie in der Beziehung besteht, die einerseits natürlich gewollt ist, andererseits dem Therapeuten aber auch durch die Steuerungsrolle eine Sicherheit verleiht, die allein aus der Rolle bezogen werden kann. An dieser Sicherheit wird gerüttelt, wenn man ins Schreiben kommt, ins Veräußern von Gedanken. Die Beziehung droht symmetrischer zu werden oder besser: Es wird fragwürdiger wie stark die Asymmetrie ist.
Diese Unsicherheit muss ausgehalten werden, durch einen inneren Anteil der Sicherheit ersetzt werden, der sonst extern über die Rolle bezogen werden kann. Denn für meinen Teil muss ich äußern, dass das Nichtschreiben keine Option ist.
Gleichzeitig ließe sich auch beruhigend argumentieren: Ist die Asymmetrie überhaupt gefährdet? Vielleicht wird sie durch die Selbstöffnung im Schreiben zunächst bewusster und in gewisser Weise fragiler. Doch solange die therapeutische Beziehung nicht in ein wechselseitiges Freigeben des Selbst übergeht, scheint die Asymmetrie – und mit ihr die Abstinenz – in ihrer Grundstruktur nicht aufgehoben.
Fraglich ist jedoch, ob sie durch das Sichtbarwerden der Person des Therapeuten nicht eine andere Qualität erhält: weniger selbstverständlich, weniger durch die Rolle getragen, stärker der gemeinsamen Wahrnehmung ausgesetzt.
Und unter diesen Bedingungen, in denen der Patient oder die Patientin die therapierende Person zunehmend als einen Menschen mit eigenen Gedanken, Gefühlen, Werten, vielleicht sogar Bedürfnissen wahrnimmt, ist das bewusste Halten der therapeutischen Rolle umso wichtiger. Das selektiv authentische Öffnen der therapierenden Person, die gleichzeitig schreibt, sollte, denke ich, noch weitaus vorsichtiger hinzugezogen werden als ohne das Schreiben, denn die Selbstöffnung kann schnell mit dem Material verknüpft werden und Sinnzusammenhänge auftauchen, die für den Patienten oder die Patientin in dem Moment keine Bedeutung haben.