Parallelen in der Therapie: Nähe ohne Mitteilung
Was geschieht, wenn die therapierende Person Parallelen zwischen der Patientin oder dem Patienten und sich selbst entdeckt? Vielleicht eine Ähnlichkeit in der Biographie, in der Elterndynamik oder im Erleben der Welt oder des Selbst.
Diese Parallelen haben etwas Verbindendes an sich. Das Interessante ist jedoch, dass diese Verbindungen im Verborgenen bleiben, nie öffentlich werden. Eine Verbindung entsteht, von der der Patient oder die Patientin gar nichts weiß.
Diese Verbindungen können dabei in verschiedene Richtungen gehen. Erstens kann es sich um eine geteilte Belastung handeln. In diesem Fall ist das Verborgenbleiben der Verbindung wohl unerlässlich. Nicht nur würde der Therapeut selbst belastet erscheinen, es könnte sich auch ein Beziehungsmuster wiederholen, das viele nur zu gut aus ihrem Alltag kennen: Eine Belastung wird geteilt und die Reaktion besteht in der Äußerung eigener Belastung. Nichts geschieht mit der ursprünglichen Mitteilung, sie wird nicht gesehen, nicht erforscht.
Zweitens kann es ebenso gut um einen geteilten Erfolg gehen, wie etwa ein abgeschlossenes Studium. Es gibt kaum einen Grund, diesen geteilten Erfolg zu betonen. Es geht nicht um die Erfolge des Therapeuten oder der Therapeutin.
Drittens kann es sich aber um eine Belastung handeln, die der Patient noch nicht, die der Therapeut jedoch bereits überwunden hat. Und in diesem Fall ergibt sich vielleicht am ehesten eine Gelegenheit, die Verbindung doch öffentlich zu machen.
In einer Selbsterfahrung äußerte ich einmal, dass ich unternehmerisches Interesse gehabt hätte und der Therapeut erzählte wenig später eine kurze Episode seines eigenen Lebens, in der eine Parallelität in diesem Interesse deutlich wurde. Wenn ich nun an diesen Moment denke, dann fällt zunächst auf, dass es ein Moment der gemeinsamen Arbeit ist, an den ich mich gut erinnere. So vieles andere, was besprochen wurde, ist mir nicht mehr präsent. An dieses Detail erinnere ich mich gut. Es scheint wichtig gewesen zu sein.
Warum? Was hat diesen Moment wichtig gemacht?
Ich fühlte mich dem Therapeuten, der eine durchaus wichtige Rolle in meinem Leben spielte, verbunden. Ich bekam den Eindruck, ich könnte auf einen Weg geraten wie er. Ich spürte, es könnte auch mir möglich sein. Es stärkte mich, dass er von seinem Weg erzählte. Für mich steckte die Botschaft darin, dass mein Interesse nicht kümmerlich sei, sondern berechtigt und wert, es zu nähren.
Eine Selbstöffnung kann also mitunter haltend und tragend wirken. Aber nur ganz bestimmte Selbstöffnungen können sinnvolle Interventionen sein und dabei das Gebot der Abstinenz wahren.
Die Frage für eine Selbstöffnung entlang einer Parallele könnte sein: Kräftigt sie den Patienten oder die Patientin – oder verunsichert sie? Trägt sie oder stört sie?
Notiz zum Text im Nachgang:
Dieser Gedanke schließt an Gedanken zur "Idealisierenden Übertragung" von Kohut an, in der der Patient sich an mehr oder weniger verbale geäußerten oder gezeigten Werten orientieren kann. Gleichzeitig schließt der Text an den Aspekt der selektiven Authentizität im therapeutischen Prozess an, der Frage danach, an welcher Stelle bedacht ausgewählte Selbstöffnungen der therapierenden Person sinnvoll erscheinen.