Notiz 025: Die Anderen im Therapieraum
In der Psychotherapie überwiegt die Wahrnehmung eines abgeschlossenen Raumes, in dem zwei Individuen, eines in seiner professionellen Rolle, ein anderes in seiner höchst privaten Gestalt, aufeinander treffen. Der Raum scheint die Patient*innen abzuschirmen, ihnen zu ermöglichen, sich ganz auf sich zu konzentrieren. Und in diesem Gedanken kann auch die therapierende Person zu der Betrachtung kommen: Hier sitzt mir ein Mensch gegenüber.
Aber wie zutreffend ist diese Wahrnehmung der dyadischen professionellen Beziehung?
Ich möchte eine Stelle des autobiographischen Textes "Ghost Stories" von Siri Hustvedt einbringen, die zu dem Gedanken überleitet, dass die therapierende Person zwar je einem Menschen gegenübersitzt, dies jedoch nicht bedeutet, dass andere Menschen nicht in einer indirekten Form mit im Raum sitzen.
Siri Hustvedt beschäftigt sich in diesem Text unter anderem mit einer Art intersubjektiven Raum, in dem Teile des anderen in das Selbst integriert werden. Ihr verstorbener Mann, Paul Auster, soll in diesem Zusammenhang zu ihr gesagt haben:
Wenn wir noch hundert Jahre länger zusammenlebten, würden wir zu ein und derselben Person werden.
Und diese Aussage leitet erneut über zum Therapieraum. Wie häufig ist zu beobachten, dass Menschen sich verändern, sobald sie eine neue Person kennenlernen und sie plötzlich feine Gesten, Wörter, Gewohnheiten, die Stimmlage und vieles mehr der je neuen Bekanntschaft selbst zeigen? Es braucht kaum Zeit bis dieses Phänomen eintritt. Manchmal reichen wenige Begegnungen dafür aus.
Wenn wir dieses Phänomen in Rechnung stellen, wie sehr muss dann die Vorstellung des isolierten Therapieraums weichen? Gesten, Wörter, Formulierungen, Gesichtsausdrücke, Werte und Einstellungen des sozialen Umfelds der Patientinnen sitzen längst mit im Raum. Wenn ich in allem, was mir an den Patientinnen auffällt, bloß glaube, die Patient*innen zu entdecken, unterliege ich einem Irrtum. Ich entdecke das soziale Umfeld gleich mit, ohne überhaupt darüber zu sprechen.
Dieser Umstand muss keine praktische Konsequenz nach sich ziehen, es ist, denke ich, jedoch ein wichtiger Blick auf den Menschen. Verhalte ich mich in der Therapie zu einer Geste, einer Formulierung, kann (aber muss es natürlich nicht) bedeuten, dass ich mich auch gleichzeitig zu Verhaltensweisen und Haltungen anderer Menschen mit verhalte.