Notiz 024: Sucht und Einsamkeit
Beim Lesen von “Das tägliche Leben” von Marguerite Duras bin ich in einem kurzen Essay zu ihrem Alkoholkonsum auf Sätze gestoßen, die mich zum nachdenken bewegt haben. Sie schreibt:
Der Alkohol bringt die Einsamkeit zum Schwingen und führt dazu, daß man sie schließlich allem anderen vorzieht.
Dieser Satz wird nicht direkt weiter erläutert. Er steht für sich und interessanterweise hatte ich in dem Moment des ersten Lesens das Gefühl, den Satz zu verstehen, sodass ich nicht das Gefühl hatte, dass es überhaupt eine Erklärung gebraucht hätte. Hätte man mich jedoch in diesem Moment gefragt, was er wohl bedeute, hätte ich zunächst gestammelt und nach Worten gesucht. Es scheint mir, als gäbe es häufiger solche Sätze in der Literatur, die gar nicht zuerst das rationale Verstehen, sondern ein emotionales Verstehen ansprechen. Nach dem Lesen, dem scheinbaren gefühlsmäßigen Verstehen, blieb denn der Wunsch, diesen Satz auch rational zu begreifen. Natürlich bleibt es am Ende aber eine Interpretation.
Die Einsamkeit ist zentral in diesem Satz. Ihre Bedrohlichkeit ist gleichzeitig im übrigen Text spürbar. Sie ist nicht glorifiziert wie es vielleicht im Falle anderer Schriftsteller wirken mag. Die Einsamkeit ist schambehaftet. Die Einsamkeit wird gefürchtet, aber anstatt zu versuchen sie aufzuheben, wird sie mit dem Griff zum Alkohol markiert, der Griff zum Alkohol scheint wie eine Begrüßung der Einsamkeit. Sie erfüllt den Raum im Griff zum Glas Wein, zum Whiskey. Diese Erfüllung sehe ich in dem Wort “Schwingen”. Die Einsamkeit wird zunächst durch den Alkohol größer als sie eigentlich ist.
Und doch wird dieser Schritt gegangen. Und dieses Verhältnis zur Einsamkeit macht den Griff zum Alkohol dadurch vielleicht zu einem kontraphobischen. Eben das Gefürchtete wird nicht als Fürchterliches vermieden, es wird vergrößert und aufgesucht. Und dann entfaltet der Alkohol seine Wirkung und er bettet die Angst vor der Einsamkeit. Zumindest etwas. Der von Einsamkeit erfüllte Raum wird von der Angst gelöst. Und aus diesem Zusammenspiel aus Selbstbehauptung im Kontraphobischen und im Gebettetsein durch den Alkohol entsteht vielleicht schließlich der Drang zur, das Vorziehen der Einsamkeit.
Und hier kann man eine andere Passage aus dem Essay hinzuziehen, in der es heißt, nicht alle Alkoholiker würden sterben wollen:
Trinken heißt nicht zwangsläufig, sterben wollen, nein.
Jedes Leben endet mit dem Tod, aber das Leben eines Alkoholsüchtigen endet meist mit einem Tod, der in irgendeiner Weise im Schaden durch den Alkohol zumindest teilweise begründet ist. In diesem Sinne könnte es so aussehen, als drücke der Alkohol etwas Suizidales aus. Marguerite Duras sieht dies anders. Aber wenn ich den Satz zur Einsamkeit lese, dann komme ich nicht umhin zu denken, dass es dennoch eine Annäherung an den Tod darstellt. Nicht unbedingt ein Sterbenwollen, vielleicht aber ein Sterbenüben. Aus Angst vor dem Tod.
Der Alkohol wird zu einem menschlichen Weg mit dem Tod fertig zu werden. In der Annäherung an die Einsamkeit, in dem Übergang in einen anderen Raum. Und vielleicht ist er Ausdruck einer Trauer darüber, dass man in diesem Weg einsam ist. Denn ebenfalls in dem Text enthalten der wunderbare Satz:
Es fehlt einem an einem Gott.