Notiz 021: Mitleid in der Psychotherapie
Im kurzen Recherchieren zum Begriff des Mitleids stieß ich auf einen Satz von Nietzsche und so kann ich mit einem Klischee die kurze Notiz beginnen… Schon Nietzsche sagte: “Das Mitleiden vermehrt das Leid in der Welt.”
Und ich möchte widersprechen. In Abschieden aus dem therapeutischen Rahmen wird häufig deutlich, dass etwas so scheinbar kleines wie der Ausdruck von Mitleid, etwas Entscheidendes für den Therapieprozess dargestellt haben kann und hierdurch etwas neu zu einer neuen Ordnung kommen konnte. Mitleid kann etwas Linderndes an sich haben und so vermehrt es nicht per se das Leiden in der Welt.
In der Rückschau stellt sich mir jedoch auch die Frage, inwiefern das offen gemachte Mitleid mit dem Patienten oder der Patientin für den Rahmen der Psychotherapie passend ist. Einige würden vielleicht argumentieren, dass das Mitleid das Leiden tatsächlich bestärkt, weil es mit Zuwendung bekräftigt wird. Eine andere Position könnte lauten, das Mitleid sollte nicht offen in die Therapie eingehen, weil es eine zu tiefe Sorge um den Patienten ausdrücken könnte, in der eine Unabänderlichkeit und Hoffnungslosigkeit mitschwingen könnte, die es eigentlich in der Therapie zu überwinden gilt. Das Prinzip Hoffnung ist doch ein wesentlicher Bestandteil der Therapie.
Doch ich denke, dass genau diese Unabänderlichkeit der entscheidende Moment ist, in dem der Ausdruck des Mitleids adäquat und hilfreich ist. Wenn es um ein Leiden geht, das nicht geändert werden kann, dann kann es vielleicht entscheidend sein, aus der therapeutischen Hilflosigkeit nicht länger zu versuchen, das Leiden durch eine Technik zu entfernen. Durch einen passenden Ausdruck von Mitleid kann das Leiden anerkannt werden, dessen Ursprung nicht zu ändern ist, wie etwa ein Verlust oder eine kaum auszuhaltende Erfahrung. Die Hoffnung verschiebt sich dann von einem Wunsch nach dem Verschwinden des Geschehenen hin zu einem Leben, das trotz des Geschehenen möglich wird.
Ist im Leben des Patienten etwas nicht wieder gut zu machen, nicht wieder herzustellen, dann, so würde ich sagen, kann das Mitleid ausgedrückt werden, weil es einen wichtigen Startpunkt für einen vielleicht noch nicht begonnenen Trauerprozess bedeuten kann. Vielleicht bedeutet Mitleid hier dann fast ein Beileid. Und eigentlich bliebe für mich nur zu ergänzen, dass der Ausdruck des Mitleids keine Technik sein darf. Wird die Erschütterung, die Traurigkeit nicht therapeutisch gefühlt, dann ist es zwecklos eine Äußerung des Mitleids in den Kontakt zu bringen. Dann ist dieser Ausdruck ähnlich den vielen Ausdrücken von Mitleid im Alltag, die am Ende eher distanzieren, vielleicht sogar hierarchisieren sollen. Es muss ein wirkliches Mitleid sein.
Und unter diesen “Bedingungen” könnte ich Nietzsche nicht mehr Recht geben. In dem Mitleid und im Ausdruck des Mitleids, in der Verbindung über das Leiden liegt eine Chance zur Linderung.