Klären in der Psychodynamik: Eine banale Intervention?
Aus dem Dreiklang der Basisinterventionen der Psychodynamik “Klären, Konfrontieren, Deuten” ist das Klären eine zunächst simpel erscheinende Angelegenheit.
Ein Thema, eine Situation, ein Gefühl und alles Erdenkliche wird durch eine Nachfrage näher beleuchtet und damit etwas näher an das Verständnis herangeführt. Manchmal scheint es mir so, dass dieser Gedanke so einfach erscheint, dass das Klären beinahe als nur Vorbereitung auf die bedeutenderen Interventionen betrachtet werden kann. Man braucht nun einmal Material, an dem man eine Deutung vornehmen kann, an dem man vielleicht eine Parallele zwischen dem Hier und Jetzt und dem Damals erkennen kann. Man braucht Material, um darin Widersprüche zu entdecken, die den Patienten oder die Patientin auf einen Konflikt stoßen.
Das Klären dient aber eigentlich doch nie bloß der therapierenden Person. Sie dient zwar dem Verstehen des Gegenübers, aber gleichzeitig dient sie immer auch dem Patienten.
Wie häufig kommt es vor, dass der Patient nicht sofort eine Antwort auf die klärende Frage findet und anmerkt, dass er es selbst nicht genau wisse, was ihn zum Beispiel an einer Situation wütend gemacht habe. Der Therapeut entdeckt den Patienten und währenddessen entdeckt der Patient sich selbst. Klären ist für sich also keine Vorbereitung einer Konfrontation von Widersprüchen im Material oder eine Vorbereitung einer Deutung, die den Blick nachhaltig verändert. Das Klären allein kann insofern eine nachhaltige Veränderung bewirken, indem die Patientin zum Beispiel eigene Bedürfnisse entdeckt, die ihr zuvor gar nicht bewusst waren oder zunächst überhaupt bemerkt, noch gar nicht zu wissen, welche eigentlich die eigenen Bedürfnisse sind.
Therapie ist ein Entdecken und Entdeckt werden.
Und man könnte sagen: Selbst wenn der Patient nichts Neues an sich dadurch entdeckt, ist es dadurch nicht weniger eine heilsame Intervention.
Allein das Entdecken des Therapeuten kann etwas bewirken, indem doch in dem Therapeuten ein Modell des Patienten entsteht, eine innere Vorstellung über dessen Person. Dieses Modell entsteht nicht einfach – es wird aktiv und manchmal gezielt erzeugt. Und es ist zwar nie deckungsgleich mit dem Modell, das der Patient über das eigene Selbst hat. Aber dass es sich bei dem Modell der Therapeutin immer nur um eine Annäherung handelt ist dabei gar nicht problematisch.
Heilend an der Klärung kann vielleicht bereits das Wissen, das Antizipieren und Spüren des Patienten sein, dass der Therapeut ein Modell seines Selbst entwickelt und, und das ist entscheidend, dass der Therapeut es in sich hält. Ich denke, es ist eine der schweren Kränkungen im therapeutischen Rahmen, wenn der Therapeut ein Detail vergisst und etwas klärt, was zuvor bereits aufgedeckt war. Vielleicht lässt es sich so greifen: "Da ist jemand, der mein Ich in sich trägt und es aushält." "Da ist jemand, der Teile in mir wohlwollend in das Modell integriert, die ich selbst ablehne, aus dem Modell entfernt haben wollen würde." Und "Da ist jemand, der mich für wertvoll genug hält, mein Selbst zu explorieren und zu halten".
Dieser Aspekt des Klärens zeigt eines ganz deutlich: Keine Therapie kann einer anderen gleichen. Jede Therapeutin wird andere Aspekte des Selbst des Patienten beleuchten und klären. Jedes Modell des Patienten wird anders aussehen. Und hinzu kommt, dass die Art und Weise wie entdeckt wird, mit welchem Blick auf den Menschen, sich nur gleichen kann, aber nie derselbe ist. Das Klären ist eine basale, aber keinesfalls eine banale Intervention der psychodynamischen Therapie. Im Klären beginnt bereits Veränderung, Entfaltung und Beziehung.