Freud lesen: Ist das Ich Herr im eigenen Haus? (Freud, 1917/26)
Eigentlich hatte ich in dem Text Hemmung, Symptom und Angst von Freud (1926) nur nach Hinweisen für einen Fall einer spezifischen Phobie gesucht. Zufällig stolperte ich dabei aber über eine Passage, die meinen Blick auf Freud und die Psychoanalyse ein kleines Stück verändert hat...
Im Psychologiestudium lernt man leider nicht viel über die Psychoanalyse oder psychodynamische Theorien, etwas Bewegung kommt aktuell hinein, aber an den meisten Universitäten ist die Psychodynamik vermutlich etwas Randständiges. Allerdings gibt es doch wohl meist eine Vorlesung der Geschichte der Psychologie und sicher geht es in ihr immer kurz auch um Freud und man hört dann vielleicht von den zwei Kränkungen, denen Freud noch eine dritte, psychologische hinzufügte mit dem bekannten Satz:
“Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus.” (Freud, 1917)
Dem Ich, dem Bewussten, wird damit eine gar untergeordnete Rolle zugewiesen, eine die beherrscht wird, schließlich ist sie nicht Herr im eigenen Haus.
Spannend ist nun, dass Freud diese Aussage etwa zehn Jahre später im Text Hemmung Symptom und Angst wieder relativiert, sie ihm zwar bis heute anhaftet, man ihm aber eigentlich zugestehen müsste, dass er nuancierter über diesen Grundsatz der Psychoanalyse dachte. Ich denke, es ist wichtig, diese Relativierung zu betrachten, weil gerade dieser Ausdruck, das Ich sei nicht Herr im eigenen Haus, doch vielleicht ein Teilgrund der Ablehnung der Psychodynamik ist. Dieser Gedanke ist doch zum Beispiel nur schwer mit humanistischen Verfahren und Grundgedanken vereinbar. Vielleicht kann Freuds spätere Einschätzung das Unbehagen, die Unheimlichkeit dieses Gedankens etwas aufheben:
In Hemmung, Symptom und Angst (1926) äußert Freud selbst ein Unbehagen über die Fundamentalität dieses Gedankens eines Ichs, das den Strebungen des Es ausgeliefert sei. So zeigt Freud an der Verdrängung, wie mächtig und fähig das Ich ist, die Bestrebungen des Es abzuwehren. Von einer Machtlosigkeit, von einem Beherrschtsein kann demnach nicht wirklich gesprochen werden.
Freud dreht den Satz jedoch auch nicht um. Er sagt nicht: „Das Ich ist Herr im eigenen Haus“. Dieser Kniff ist, glaube ich, von großer Bedeutung. Er äußert, dass beides nebeneinander besteht. Das Ich ist mächtig und machtlos zugleich. Hier liegt ein dialektisches Moment, eine Dialektik der Macht und der Ohnmacht des Ichs.
Hat der Akt der Verdrängung uns die Stärke des Ichs gezeigt, so legt er doch in einem auch Zeugnis ab für dessen Ohnmacht und für die Unbeeinflussbarkeit der einzelnen Triebregungen des Es.
Die Verdrängung zeigt die Macht, die Symptome, vor allem aber die Unbeeinflussbarkeit des Verdrängten, zeigen die Ohnmacht des Ichs.
Ich glaube, das ist eine Betrachtung, die nicht nur der Komplexität der Psyche eher Rechnung trägt, sondern auch das Unbehagen der von Freud als „psychoanalytischen Weltanschauung“ bezeichneten Grundannahme der Psychoanalyse auflöst.
Das Es ist nicht streng von dem Ich getrennt, das Es gehört zum Ich, es ist dessen unorganisierte, aufgewühlte Instanz, aber es ist nicht maßgeblich für sich allein. Und ich vermute, dass dieser Gedanke therapeutisch auf die Akzeptanz deutet: Wie viel gelassener kann Ich mit dem unordentlichen Teil meiner Psyche sein, wenn ich akzeptiere, dass ich dieses Unorganisierte nicht zu ändern vermag. Nicht als Resignation, sondern als eine Veränderung der Beziehung zum Unorganisierten.
Literatur:
Freud, S. (1972). Hemmung, Symptom und Angst (1926). In Sigmund Freud, Gesammelte Werke (Bd. 14, S. 111-205). Frankfurt am Main: S. Fischer.
Freud, S. (1972). Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse (1917). In Sigmund Freud, Gesammelte Werke (Bd. 12 S. 3-12). Frankfurt am Main: S. Fischer.