“Half of me is gone”: Zum Ausdruck des halben Menschen nach Verlusterfahrungen.

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In der Beschäftigung mit Fragen um Tod und Trauer begegnet mir immer wieder das wundersame Bild des halben Menschen.

Die Figur Baumgartner in Paul Austers letztem, gleichnamigen Roman, ist nach dem Tod seiner Frau nur noch ein halber Mann. In einer der “Erzählungen der Chassidim” gesammelt und übersetzt von Martin Buber heißt es, der Baalschemtow hätte nach dem Tod seiner Frau gesagt:

Ich habe erwartet, ich würde im Sturm wie Elija auffahren zum Himmel. Jetzt aber, da ich nur noch der Halbscheid eines Leibes bin, kann es nicht mehr sein.

Und in einem Portrait über den Philosophen Herbert Fingarette sagt dieser über den Verlust seiner Frau: “Half of me is gone”.

Es gibt unzählige Beispiele dieses Ausdrucks und ich frage mich, inwieweit er Metapher ist und inwieweit dieses Erleben der Halbierung tatsächlich einer Halbierung gleichkommt.

Die Leiblichkeit, das, was man ist, scheint im Angesicht des Verlusts halbiert. Wenn wir in diesen Teilen für einen Moment denken wollen, dann würde dem gleichkommen, die eine Hälfte des eigenen Seins ist das wirklich eigene, das alleinige, die andere Hälfte das Geteilte, die Beziehung, das Verhältnis zum anderen Menschen.

In einer Lesart könnte man vielleicht sagen, dass das Selbst nicht nur durch personale Merkmale konzeptualisiert wird, ich also nicht bloß anhand meiner eigenen Fähigkeiten und Vorlieben mein Selbstkonzept aktualisiere, sondern das Selbst gleichzeitig durch personale Merkmale bestimmt wird. Dies könnte beginnen im Konzept von sich selbst, wenn eine Person sagt: “Ich gehöre zu Anna” wie es der Held in Baumgartner (2023) **vielleicht sagen würde. Der Mensch konzeptualisiert sich selbst als zugehörig zu jemand anderem. Ohne dieses Gegenüber bricht dieser Teil weg oder wird mindestens infrage gestellt.

In einer anderen Lesart könnte man sich von dem eher kognitiven Paradigma des Selbstkonzepts etwas lösen und versuchen zu erforschen, inwieweit es sich nicht bloß um relationale Merkmale handelt, in denen das Verhältnis zur anderen Person repräsentiert ist, sondern inwiefern ein Teil des Selbst tatsächlich in der Beziehung lebt – in einem Dazwischen. Indem in der Beziehung ein Raum für echte Begegnung entstand, in welchem beide Menschen zu ganzen Menschen werden konnten, könnte dieses Ganze im Dazwischen sich durch den Verlust in Luft auflösen. Ein Gefühl der Halbierung entsteht.

Das sind vage Überlegungen. Eine davon ist nicht nur vage, sondern vielleicht auch etwas gewagt. Aber müsste ich mich für eine dieser Lesarten entscheiden, dann würde ich die Lösung des Rätsels eher in der zweiten vermuten.

Literatur:

Auster, P. (2023). Baumgartner. Rowohlt.

Buber, M. (1948). Die Erzählungen der Chassidim. Manesse.

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