Freud lesen: "Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung"

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In einem seiner Texte wird Freuds Position zur und innerhalb der Psychoanalyse besonders deutlich. Im Jahr 1914 verfasste er eine Art Zwischenfazit zur Entwicklung der Psychoanalyse, die heute natürlich um mehr als ein Jahrhundert erweitert werden müsste. Dieser Text scheint mir besonders für das Verständnis Freuds selbst relevant und weniger für das Verständnis der psychoanalytischen Theorie und ihrer Grundbegriffe.

Es fühlt sich nicht ganz stimmig an zur Person Freud etwas zu schreiben, aber es ist mir ein Anliegen, wann immer ich es schaffe einen Text von ihm zu lesen, etwas dazu festzuhalten. Ich bemerke aber, dass hierbei wirklich große Vorsicht angebracht ist. Denn der Text liefert viele Nuancen, die mir mal unangenehm sind, mal sympathisch, erfrischend ehrlich erscheinen. Ein Aspekt scheint mir jedoch zentral:

Freud erscheint isoliert

Seine Stellung in der Psychoanalyse ist eine ausgesprochen schwierige, zumindest aus der Perspektive Freuds selbst. Einerseits gilt er unverkennbar als die bedeutendste Person innerhalb der Psychoanalyse, gleichzeitig als derjenige, der die ganze Ablehnung der Psychoanalyse entgegengeworfen wird. Das spannende Moment ist dann dies, dass Freud sich in seinem Text nur wenig mit den anderen Vertretern der Psychoanalyse verbündet gegen jene, die sich gegen die Psychoanalyse stellen. Im Gegenteil, es scheint mir, dass er sich mit der Position als Geächteter identifizierte und sie nach innen in die Bewegung trug. Er trug sie den anderen scheinbar vor, führte sie ihnen vor Augen.

Gleich zu Beginn des Textes schreibt er zur Geburtsstunde der Psychoanalyse folgende kleine Einordnung:

Nun ist es ziemlich gleichgültig, ob man die Geschichte der Psychoanalyse vom kathartischen Verfahren an oder erst von meiner Modifikation derselben rechnen will. Ich gehe auf dieses uninteressante Problem nur ein, weil manche Gegner der Psychoanalyse sich gelegentlich darauf zu besinnen pflegen, daß ja diese Kunst gar nicht von mir, sondern von Breuer herrührt. Dies ereignet sich natürlich nur in dem Falle, daß ihnen ihre Stellung gestattet, einiges an der Psychoanalyse beachtenswert zu finden; wenn sie sich in der Ablehnung keine solche Schranke auferlegen, dann ist die Psychoanalyse immer unbestritten mein Werk.

Und die Identifikation mit der Rolle als diejenige Person, welcher der Widerstand gegen die Analyse zukommt, findet spannenderweise wenig später auch eine Begründung. In dem Widerstand gegen seine Person liegt nämlich die Zuschreibung der Urheberschaft der Psychoanalyse versteckt:

Da ich nun längst erkannt habe, daß es das unvermeidliche Schicksal der Psychoanalyse ist, die Menschen zum Widerspruch zu reizen und zu erbittern, so habe ich für mich den Schluß gezogen, ich müßte dich von allem, was sie auszeichnet, der richtige Urheber sein.

Und scheint es ihm auch zunächst eine uninteressante Frage zu sein, wo genau die Psychoanalyse als Strömung entstand, so präzise wird sie dann vertieft. Freud würdigt zwar, dass er ohne seine Vorgänger nicht zur psychoanalytischen Theorie und Methode gefunden hätte, er entzieht den Vorgängern jedoch die bewusste Vorbereitung der psychoanalytischen Theorie:

Alle drei Männer [Breuer, Charcot, Chrobak] hatten mir eine Einsicht überliefert, die sie, streng genommen, selbst nicht besaßen.

Daraufhin berichtet er, wie diese drei Männer jeweils Äußerungen tätigten, die ihn zur Einsicht der Bedeutung der Sexualität brachten.

In diesen Passagen entsteht ein gewisser Widerspruch. Mal scheint es mir, es wird versucht die Bedeutung der eigenen Urheberschaft gering zu schätzen, an anderer Stelle wird sie zentral. Doch auch wenn es manchmal etwas unangenehm anmutet, Fremdscham würde man heute sagen, ertappe ich mich dabei, es ihm nicht zu verübeln.

Diese Stellung isolierte ihn jedoch scheinbar nicht nur nach Außen, indem er den Widerstand gegen die Psychoanalyse auf sich zog. Die Deutungshoheit dahingehend, was er als Psychoanalyse noch betrachtete und was nicht, brachte ihn auch zur Abgrenzung nach innen, gegen die Bestrebungen nach Abänderungen seiner Theorie. Es scheint mir, dass Freud die Psychoanalyse nach Außen hin nicht allzu sehr verteidigen wollte. Möglicherweise, weil er damit seine wissenschaftliche Arbeit hätte niederlegen müssen, um aller Kritik zu begegnen. Aber, auch in diesem Beitrag, verteidigt er sich vehement nach innen - gegen Carl Gustav Jung und Alfred Adler.

Und genau darin wird ein anderer Aspekt sichtbar…

Freud und Loyalität

Wenn man vergleicht wie Freud über Otto Rank im Gegensatz zu Adler und Jung schreibt, dann komme ich nicht umhin zu glauben, dass es Freud um mehr ging als bloße theoretische Dissonanzen. Es ist eine reine Interpretation, aber mir scheint durch diesen Text ein Bedürfnis, ein Wunsch nach Loyalität hindurch.

Mir scheint es fast, als ginge es in dieser Loyalität sogar nicht nur um eine wissenschaftliche Loyalität oder um den respektvollen, andächtigen Gang der Generationen, sondern eigentlich um Verbundenheit mit diesen Menschen, in denen er vermutlich nicht nur Kollegen fand, sondern auch Freunde. Denn insbesondere über Jung schrieb er, wie gleich im vollen Zitat, dieser sei ihm freundschaftlich zugetan gewesen.

In dieser Bedeutung der scheinbar akademisch-beruflichen Loyalität wird eine Verletzbarkeit im Text spürbar. Ganz besonders, wenn er sich gegen die Bestrebungen von Jung stellt.

So sehr in der isolierten Position von Freud auch das Bedürfnis zu erkennen ist, dass er als der Schöpfer von etwas, der Psychoanalyse, wahrgenommen wird, so sehr kann ich mich dem Eindruck nicht verwehren, dass hier ein Mann schreibt, der diesen Text nicht nur zur Festigung seiner Rolle schreibt, sondern einer, der sein Wesen hinter einer Sache versammelt hat. Und dieser Eindruck erinnert mich an eine Dokumentation von Yair Qedar mit dem prägnanten und hierzu passenden Titel: Outsider. Freud.

Andere (”moderne”) Nuancen

Zwischen den Zeilen lassen sich jedoch weitere Einzelheiten zur Person erkennen.

Freud mag für manche Psychologiestudierenden vielleicht der Inbegriff des alten weißen Mannes sein, ein Prototyp einer paternalistischen Wissenschaft. Aber in dem Beitrag “Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung” scheinen auch moderne Sichtweisen hindurch oder er benennt diese klar. So steht zwischen den Zeilen, dass er Jung für dessen “Rassenvoruteile” kritisierte:

Er schien überdies bereit, in freundschaftliche Beziehung zu mir zu treten und mir zuliebe Rassenvorurteile aufzugeben, die er sich damals gestattet hatte.

An anderer Stelle erkennt Freud Geschlecht als nicht bloß biologisch, sondern gleichzeitig als “sozial” und “psychologisch” an und mahnt an, diese Unterscheidung zu berücksichtigen. Ich glaube, es ist wichtig, diese Nuancen festzuhalten, auch wenn sie neben anderen Textstellen im Werk zu finden sind, die heute als problematisch angesehen werden. Ich glaube es ist wichtig, sich diesen Nuancen zu öffnen.

Freud, S. (1972). Zur Geschichte der Psychoanalytischen Bewegung (1914). In Sigmund FreudGesammelte Werke (Bd. 10 S. 43-113). Frankfurt am Main: S. Fischer.

Qedar, Y. (2025). Outsider. Freud. https://www.youtube.com/watch?v=XrRk8PFoi3Q