Freud lesen: "Zeitgemäßes über Krieg und Tod" (1915)
Der Text “Zeitgemäßes über Krieg und Tod” ist auch heute noch erstaunlich zeitgemäß. Man könnte fast sagen, dass Freud hier etwas Zeitloses über Krieg und Tod formuliert. Der Zusatz “zeitgemäß” kam vielleicht hinzu, weil er die Grausamkeit des ersten Weltkrieges für einen historischen Ausnahmekrieg hielt. Falls dies das Adjektiv bedingte, musste Freud diese Einschätzung Zeit seines Lebens zu Beginn des zweiten Weltkriegs wohl aufgeben. Was dort beschrieben ist, ist aber so unspezifisch auf die Politik und Kriegsführung des ersten Weltkriegs bezogen, dass es sich auf jeden Krieg beziehen lässt. Der technische Fortschritt der Kriegsmaschinerie, die immer neuen oder raffinierten Weisen des Tötens, ist auch heute nur allzu gut zu beobachten.
Ebenso zeitlos scheint mir der Anlass des Textes. Freud baut seinen Essay auf einem Zustand der Orientierungslosigkeit, der Verwirrung und der verminderten Leistungsfähigkeit, der schnell diejenigen ergreifen kann, die im Angesicht des Krieges stehen. Nicht nur die Kämpfenden selbst, gar viel mehr noch diejenigen, die das Kämpfen aus der Ferne verfolgen. Mir scheint, dass dieser Zustand der Orientierungslosigkeit, der Trägheit und Verwirrung auch in heutigen Zeiten der “multiplen Krisen” zum Tragen kommt…
Ich möchte nur kurz Freuds Begründung aufgreifen und dann auf Freuds Schlussteil zu sprechen kommen, der eine der schönsten Textstellen bildet, die ich von Freud bisher gelesen habe.
Den benannten Zustand der Entfremdung führt Freud 1) auf eine Enttäuschung und 2) auf ein verändertes Verhältnis zum Tod zurück. Die Enttäuschung bezieht sich dabei auf den Staat (”Großindividuen”) und die einzelnen “Volksangehörigen”. Die Enttäuschung bezüglich des Staates besteht darin, dass in Zeiten des Krieges beobachtet werden kann, dass alle Verbote und Gebote, die zur Gewaltfreiheit in der Gesellschaft beitragen sollten, kaum um ihrer selbst wegen aufgestellt wurden, der Staat sich selbst nach Außen Gewalt und Intrigen erlaubt und die Gewalt der Einzelnen für gerecht erklärt. Kurz in einem einzelnen Zitat gefasst:
Der einzelne Volksangehörige kann in diesem Kriege mit Schrecken feststellen, was sich ihm gelegentlich schon in Friedenszeiten aufdrängen wollte, daß der Staat dem Einzelnen den Gebrauch des Unrechts untersagt hat, nicht weil er es abschaffen, sondern weil er es monopolisieren will wie Salz und Tabak.
Die zweite Enttäuschung besteht dann darin, wie sich in dieser Erlaubnis zeigt, dass die Verpflichtung zur Moral und zum gewaltfreien Miteinander auch für das Individuum nur eben eine solche Verpflichtung war, der man sich entledigen kann. Auch hierzu eines der vielen möglichen Zitate:
Die Kulturgesellschaft, die die gute Handlung fordert und sich um die Triebbegründung derselben nicht kümmert, hat also eine große Zahl von Menschen zum Kulturgehorsam gewonnen, die dabei nicht ihrer Natur folgen.
Das Verhältnis zum Tod als zweiten Aspekt sieht Freud darin, den jeweils eigenen Tod zu verdrängen, die Tode der Liebsten zu bedauern, aber die des Feindes für gerecht und willkommen zu heißen.
Nun wird am Schluss dieser Aspekt der Verdrängung des Todes bzw. des Sterbens aphoristisch pointiert und anhand eines alten Sprichworts formuliert:
Wir erinnern uns des alten Spruches: Si vis pacem, para bellum. Wenn du Frieden willst, so rüste zum Kriege. Es wäre zeitgemäßer, ihn abzuändern: Si vis vitam, para mortem. Wenn du das Leben aushalten willst, richte dich auf den Tod ein.
Dieser Schlusssatz kann in viele Richtungen gedacht werden. Zentral scheint für mich, dass das Einrichten auf den Tod bei Freud wohl bedeuten müsste, aufzuhören so zu leben, als wäre man unsterblich. Fraglich bleibt, ob dies gelingen kann, wenn das Unbewusste, auf das wir nicht zu wirken wissen, stets am Ende davon ausgeht, dass es nicht stirbt. Lässt man diesen Einwand beiseite: Warum lässt sich das Leben “aushalten”, wenn man sich auf den Tod einrichtet. Hier wird es etwas schwieriger und ich kann nur schildern, wie ich es verstehe, wenn der Schlusssatz sich auch auf den vorausgegangenen Text bezieht.
Das Leben unter der dringendsten Angst des Todes ist ein maßlos gehemmtes, kaum lebenswertes Leben. Risiken und Gefahren müssen in Kauf genommen werden, um es zu “füllen”. Diesen Aspekt greift Freud zum Beispiel bei Fernreisen auf, die er für fast notwendig für die Entwicklung hält. Auf der anderen Seite lässt der Text jedoch in keiner Weise die Interpretation zu, dass kämpferische Handlungen in einem Krieg das bedeuten, was ein notwendiges Risiko, eine notwendige Gefahr des Lebens darstellt. Die eine Gefahr ist dem Leben dienlich, die andere Gefahr lässt das Leben nicht “aushalten”, sondern es verlieren. Das Ziehen in den Krieg ist nur unter Verdrängung des Todes möglich.
Hierin wird vielleicht ein tiefst psychoanalytischer Grundgedanke deutlich. Nicht die Beschäftigung mit dem Tod bedroht das Leben, sondern die Weigerung, ihn in das eigene Lebensverständnis aufzunehmen. Nicht die Annahme einer schwierigen, düsteren Realität macht uns gefährlich, sondern ihre Verdrängung.
Literatur
Freud, S. (1972). Zeitgemäßes über Krieg und Tod (1915). In Sigmund Freud, Gesammelte Werke (Bd. 10 S. 324-355). Frankfurt am Main: S. Fischer.