Freud lesen: "Der Moses des Michelangelo"
In Freuds gesammelten Werken findet sich ein leidenschaftlicher Text, in dem er sich kurz von seinem psychoanalytischen Kern entfernt und sich der Analyse eines Kunstwerks zuwendet. Er schreibt über den Moses von Micheangelo.
Vielleicht gerade weil er sich hier einer Passion abseits der Psychoanalyse widmete, veröffentlichte er den Text 1914 zunächst unter einem Pseudonym und bekannte sich erst später zum Text. Vielleicht aus einer Sorge heraus, wie er wahrgenommen werden könnte, wenn er sich ohne akademischen Hintergrund in den Künsten an die Analyse eines Werks wagte.
Den Moses fertigte Michelangelo für Papst Julius II an. Die Statue steht in der Basilika San Pietro in Vincoli. Und in dem Text wird sofort deutlich: Sie wurde kontrovers diskutiert. Und das nicht aufgrund kunsthandwerklicher Fragen. Vielmehr ist es die Frage nach der Psychologie des scheinbar starren Moses. Es wird gefragt: Welches Erleben verbirgt sich hinter dem Moment und welches Verhalten mag dahinter verborgen liegen. So streng wie Moses schaut: Was ist von ihm zu erwarten?

Ich möchte nicht alle Einzelheiten der Diskussion noch einmal aufgreifen, die in Freuds Text gesammelt sind. Der wirklich spannende Punkt scheint mir Freuds Herangehensweise zu sein. Die vorherige Literatur fokussierte die Frage, was dieser Moses im Begriff sei zu tun. Laut der meisten Stimmen sei er im Aufspringen begriffen. Er wolle im Zorn die Feier um einen Götzen unterbinden. Er würde die Tafeln zerschmettern. Indizien für dieses wütende Aufspringen werden aufgezählt, vor allem angehobene Fuß wird als Hinweis hinzugezogen.
Freud gelingt nun in seiner Spekulation der genau andere Blick auf die Statue. Er fokussiert nicht die kommende Bewegung, sondern fragt, aus welcher Bewegung die komplexe Haltung des Moses entstanden sein könnte. Seine Interpretation richtet sich rückwärts nicht vorwärts. Und in Freuds Interpretation wird Moses zu jemandem, in dem kurz Schreck und Zorn aufgelodert sein könnten, der sich dann jedoch beherrschte und sich auf den sicheren Erhalt der Tafeln besinnte. Er interpretiert die Haltung nicht als Beginn, sondern als Rest einer abgelaufenen Bewegung.
Er analysiert die möglicherweise abgelaufene Bewegung anhand feiner Details - wie der Bart fällt, wo die Hand liegt, wie die Tafeln unter dem Arm gehalten werden. Und hierin wähnt Freud auch eine Verbindung zur Psychoanalyse. In der Analyse der Entstehung eines Kunstwerks zählt nicht nur der breite Blick auf das Werk, sondern die feinen Striche auf der Leinwand, die die Handschrift des Künstlers, der Künstlerin enthalten.
Dieser Text ist erneut ein Beitrag, in dem Freud als Person hindurch scheint. Die Einführung des Textes ist im Grunde eine biographische Selbstoffenbarung. Er besuchte die Statue mehr als nur einmal und berichtet eine Ergriffenheit von der Statue, die er insbesondere von plastischen und dichterischen Werken empfing und weniger von Musik und Malerei, wie er schreibt.
Wie oft bin ich die steile Treppe vom unschönen Corso Cavour hinaufgestiegen zu dem einsamen Platz, auf dem die verlassene Kirche steht, habe immer versucht, dem verächtlich zürnenden Blick des Heros standzuhalten, und manchmal habe ich mich dann behutsam aus dem Halbdunkel des Innenraums geschlichen, als gehörte ich selbst zu dem Gesindel, auf das sein Auge gerichtet ist, das nicht warten und nicht vertrauen will und jubelt, wenn es die Illusion des Götzenbildes wieder bekommen hat.
Und nun wird es für Freud scheinbar fast notwendig, die Ergriffenheit zu verstehen, zu analysieren:
Aber Kunstwerke üben eine starke Wirkung auf mich aus, insbesondere Dichtungen und Werke der Plastik, seltener Malereien. Ich bin so veranlaßt worden, bei den entsprechenden Gelegenheiten lange vor ihnen zu verweilen, und wollte sie auf meine Weise erfassen, d.h. mir begreiflich machen, wodurch sie wirken.
In diesem Bedürfnis, die eigene Ergriffenheit verstehbar zu machen, scheint Freud beinahe selbst zum Gegenstand seines Textes zu werden. Die Wirkung des Kunstwerks genügt ihm nicht als bloßes Erleben; sie drängt zur Analyse. Gerade dort, wo etwas ihn besonders bewegt, entsteht offenbar auch der Wunsch, die Bedingungen dieser Bewegung zu begreifen.
Vielleicht liegt darin auch etwas zutiefst Psychoanalytisches: die Annahme, dass selbst die stärksten Affekte nicht bloß erlebt, sondern verstanden werden können und vielleicht sogar verstanden werden müssen.
Gleichzeitig kam mir beim Lesen dieses Textes auch der Gedanke, dass eben gerade der unbeschreibliche Affekt beim Betrachten eines Ganzen hin und wieder auch einfach bestehen bleiben darf und für sich “spricht”, er uns manchmal in der persönlichen Begegnung ebenso viel anträgt wie die feinste Analyse.
Literatur:
Freud, S. (1972). Der Moses des Michelangelo (1914). In Sigmund Freud, Gesammelte Werke (Bd. 10 S. 172-201). Frankfurt am Main: S. Fischer.