Fälle als Theoriewelten und Orte der eigenen Haltung
Wenn in der Therapie ein Konflikt mit einer Vorgesetzten zur Sprache kommt, die Patientin zum Beispiel wegen angeblich zu langsamer Arbeit gängelt wird, dann ließe sich in der Psychologie dieser Konflikt schnell als ein interpersonales Problem begreifbar machen, in welchem je unterschiedliche charakteristische Adaptationen unglücklich aufeinandertreffen und unterschiedliche Interessen eine Auseinandersetzung, eine Form von Reibung bedingen.
Allein im psychologischen Feld ließe sich der Konflikt vermutlich präzise mit einer Handvoll Theorien erklären. In meinem Erleben greift diese rein psychologische Betrachtung jedoch zu kurz und dem Rahmen der Psychotherapie geht etwas Wichtiges verloren, wenn sie sich allein aus sich selbst heraus begreift.
Die Psychologie ist nicht der einzige Bezugsrahmen, aus dem heraus dieser Arbeitsplatzkonflikts der fiktiven Patientin analysiert werden kann. Durch den Kontext, in dem dieser Konflikt gerahmt ist, könnte man zum Beispiel Theorien aus der Soziologie oder Philosophie, vielleicht der Ökonomie heranziehen.
Der Konflikt könnte vielleicht als Ausdruck einer Hierarchisierung der Arbeitswelt gelesen werden, mit dazugehörigen Machtpraktiken. Vielleicht könnte man ihn als als Ergebnis einer Ideologie der Effizienz betrachten.
Die Frage, die sich mir stellt, ist, ob es möglicherweise einen Nutzen hat, den Fall in dieser Weite aus Theorien, in einer Art kaum endenden Landkarte mit teilweise überlappenden oder austauschbaren Theorien zu sehen. Den Fall an verschiedenen Stellen mit Theorien und Konzepten aufzublasen.
Gerade glaube ich, dass ich die falsche Frage gestellt habe.
Es geht gar nicht um den Nutzen dieser Theorien, sondern um die Kenntnis der eigenen Haltung. Es ist vielleicht weniger interessant, diese Theorien tatsächlich hinzuzuziehen, mit Patient*innen zu arbeiten. Schnell ist man in Weiten, die sich dem Einfluss vollständig entziehen, auf einer gesellschaftlicher Ebene, die doch im therapeutischen Rahmen oft mehr hingenommen werden muss, als verändert werden kann.
Viel interessanter als die Frage des Nutzens ist die Frage, welche Theorien man denn hinzuziehen würde, wäre man dazu gezwungen. So ist durchaus eine ökonomische Sicht auf das Subjekt denkbar, in der das Individuum Durchsetzungsfähigkeit in seiner Umwelt zu beweisen hat. Eine Sicht, in der dem Individuum angetragen wird, sich aversiven Umständen zu widersetzen, selbst Aggression auszuüben und sich einen Vorteil zu verschaffen.
Wäre dies die Theorie, die ich beim Arbeitsplatzkonflikt einer Patientin mit ihrer Vorgesetzten anlegen würde, würde ich die Patientin als schwaches Beispiel einer Person denken. Andernfalls, nehme ich eine andere Theorie hinzu, denke ich ihr Verhalten vielleicht als eine normale, humane Reaktion auf inhumane gesellschaftliche Bedingungen. Die Intervention kommt letztlich vielleicht sogar beim Gleichen heraus; bei der Förderung der Abgrenzungsfähigkeit, der Konflikt- und Durchsetzungsfähigkeit, der Selbstwirksamkeit und Autonomie. Aber die Sicht auf die Patientin wäre eine andere. Meine Haltung der Patientin gegenüber wäre eine andere. Die Intervention mag die gleiche sein. Die Haltung ist es nicht.
Und ich glaube, dass diese Haltung, bei identischer sprachlicher Intervention, wirksam wird, spürbar wird für die Patienten. Der Fall, in dem sich je eine Vielzahl von Theorien anwenden ließe, wird zu einem Ort, an dem sich mein Menschenbild zeigt, indem ich die Landkarte der Theoriewelt selbst zeichne und Entscheidungen treffe, mit welchem Blick ich auf diesen Menschen schauen möchte.