Eine Notiz zur "Idee"

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Als ich vor einigen Wochen in einem Seminar saß und kurz etwas zur Intersubjektivitätstheorie hörte, bemerkte ich, dass ich schon häufiger über Gedanken dieser Theorie nachgedacht hatte, ohne sie zu kennen. In der psychoanalytischen Intersubjektivitätstheorie wird Therapie als Zusammenspiel zweier Menschen verstanden – weniger als ein technisches Intervenieren am Patienten oder an der Patientin, das von der ausführenden Person unabhängig gedacht wird.

Dieses Phänomen ist vermutlich vielen bekannt. Ein Gedanke kommt und manchmal erst viel später hört man, dass ihn viele vor einem selbst hatten. Wenig später, nachdem ich diese kleine Notiz hier formuliert hatte, ist mir noch dieses Beispiel aus der Literatur Freuds zufällig begegnet:

[...] und ich hielt diese Idee lange Zeit für eine originelle, bis uns O. Rank die Stelle in Schopenhauers "Welt als Wille und Vorstellung" zeigte, in welcher sich der Philosoph um eine Erklärung des Wahnsinns bemüht. Was dort über das Sträuben gegen die Annahme eines peinlichen Stückes der Wirklichkeit gesagt ist, deckt sich so vollkommen mit dem Inhalt meines Verdrängungsbegriffs, daß ich wieder einmal meiner Unbelesenheit für die Ermöglichung einer Entdeckung verpflichtet sein durfte.

Dieses Beispiel zeigt das Phänomen eindrücklich. Eine Perspektive auf dieses Phänomen fand ich hingegen bei Martin Buber, übrigens erneut, ohne dass ich danach gesucht hätte:

Die Ideen thronen ebensowenig über unseren Köpfen, wie sie in ihnen hausen; sie wandeln unter uns und treten uns an, […].

Und so oft wie Ideen in unterschiedlichen, aber sich gleichenden Erscheinungen am und im Menschen wirken, ist dies – finde ich – ein wunderbarer Gedanke, der einem das Gefühl vermitteln kann, in Verbindung mit der Welt und den Menschen zu stehen.

Dieser Gedanke gibt der "Idee" eine Lebendigkeit: Die Menschen werden fast mehr als Empfänger und weniger als Schöpfer der Idee verstanden. Und in diesem Sinne erscheint es auch nicht mehr kränkend oder enttäuschend, wenn es sich eben nicht um eine originelle Entdeckung handelt. Es erscheint plötzlich als hätte die Idee selbst eine Biographie, die sich zum Beispiel in wissenschaftlichen Texten nachzeichnet, die einen Gedanken zur Quelle zurückverfolgen, die Historie einer Idee darstellen.

Und über die Zeit erscheint dieselbe Idee in unterschiedlichen Formen. Ideen sind in einer Entwicklung begriffen; kontrahierend in präzisen Aussagen und Aphorismen, expandierend in ganzen Paragraphen und Seiten. Beinahe atmend.

Es besteht eine Art Kontinuität der Idee. Irgendwo, irgendwann tritt sie an einen Menschen das erste Mal heran, wird vielleicht aus gesellschaftlichen Veränderungen heraus zu einer Notwendigkeit.

Die Ideen sind lebendig, sie gehören niemandem. Sie rufen uns an, und wir antworten ihnen.

Literatur:

Buber, M. (1979). Ich und Du. Lambert Schneider. (Originalarbeit veröffentlicht 1923)

Freud, S. (1972). Zur Geschichte der Psychoanalytischen Bewegung (1914). In Sigmund FreudGesammelte Werke (Bd. 10 S. 43-113). Frankfurt am Main: S. Fischer.

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