Notiz 020: Eine einfache Umkehr aus der Sinnlosigkeit? Sinnerleben nach Viktor Frankl.

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Sinnlosigkeitserleben als ein Kern des Leidensdrucks in der Therapie wirkt häufig starr und unbeweglich aus therapeutischer Sicht. Hierdurch ist die therapierende Person zum Teil starken Gegenübertragungsgefühlen ausgesetzt: Hilflosigkeit, Ohnmacht, ein Ringen mit dem Symptom wie es vielleicht der Patient/die Patientin selbst erlebt.

Sinnlosigkeit erscheint in meinem Eindruck schwer: Schwer im physikalischen Sinne. Sie ist kaum zu bewegen, fällt immer wieder, kaum ist sie ein wenig verrückt oder angehoben, an ihren Platz zurück. Hat man sie einmal gemeinsam mit dem Patienten um Zentimeter verschoben, scheint sie in der nächsten Sitzung dieselbe Entfernung wieder zurückgenommen zu haben.

Es scheint keine Technik für die Sinnlosigkeit zu geben. Vielleicht ist man hier endlich nah genug an die Wurzel des Menschen gerückt, sodass die notwendige Zergliederung des Menschen in der Anwendung einer Technik nicht länger greifen will.

Und dennoch glaube ich, dass dieses starre Phänomen eine merkwürdige Eigenschaft besitzt. In den meisten therapeutischen Gegenständen ist eine langsame Entwicklung zu erwarten. Eine Depression geht meist langsam zurück, eine panikartige Angst verschwindet selten von einem Tag auf den anderen, das Selbstwertgefühl eines Menschen nimmt meist gemächlich zu.

Die Entdeckung der Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens jedoch kann einen Menschen in meinem Eindruck auch plötzlich überkommen. Eine ruckartige Kehrtwende in der Frage nach dem Sinn ist möglich, wenn sie auch sicher nicht immer so in Erscheinung tritt und sich langsam vollziehen kann.

Diese Plötzlichkeit, mit der das Leben sinnhaft erscheinen kann, deutet sich für mich zum Beispiel in Viktor Frankls Texten zum Sinn des Lebens an. In “Trotzdem Ja zum Leben sagen…” findet sich diese Kehrtwende in folgender Weise:

Was hier not tut, ist eine Wendung in der ganzen Fragestellung nach dem Sinn des Lebens: Wir müssen lernen und die verzweifelnden Menschen lehren, daß es eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet! Zünftig philosophisch gesprochen könnte man sagen, daß es hier also um eine kopernikanische Wende geht, so zwar, daß wir nicht mehr einfach nach dem Sinn des Lebens fragen, sondern daß wir uns selbst als die Befragten erleben, als diejenigen, an die das Leben täglich und stündlich Fragen stellt - Fragen, die wir zu beantworten haben, indem wir nicht durch ein Grübeln oder Reden, sondern nur durch ein Handeln, ein richtiges Verhalten, die rechte Antwort geben.

Frankl beschreibt die Entdeckung der Sinnhaftigkeit als die Wendung einer Frage an das Leben. Der Mensch wird vom Fragenden zum Befragten. Eine Wendung, die sich im Übrigen auch sicher in einer Vielzahl von religiösen Lesarten findet. So findet sich der Mensch als Befragter zum Beispiel in der Bibel, als Gott der Allwissende Adam fragt, wo er sei. In einer chassidistischen Erzählung heißt es hierzu:

Nunwohl, in jeder Zeit ruf Gott jeden Menschen an: “Wo bist du in deiner Welt?”

Das Spannende ist nun, dass diese Wendung sich tatsächlich plötzlich vollziehen kann. Die Frage kann gehört und gefühlt werden. Und ich würde meinen, dass es für die Umkehr aus der Sinnlosigkeit nicht einmal einer Antwort auf die Frage bedarf. Ich denke genau hierzu wäre die Psychologie schnell geneigt, den Menschen möglichst bald zu einer Antwort bringen zu wollen. Es bedarf, so behaupte ich, zunächst bloß der Wahrnehmung, dass man gefragt wird.

Denn die Wahrnehmung des Gefragtwerdens impliziert bereits eine Stellung in der Welt, nicht im Sinne einer Hierarchie. Im Sinne einer Beziehung. Wer sich gefragt weiß, hat bereits einen Ort in der Welt.

Doch möglicherweise lässt sich diese Umkehr nicht erzwingen. Vielleicht muss dieses Gefühl schlicht passieren, geschehen, wie es manchmal im Kontakt mit anderen geschieht, dass aus einem Dialog kurz eine wahre, tiefe Begegnung wird.

Und genau hier liegt vielleicht der therapeutische Aspekt. Er liegt vielleicht nicht darin, die metaphysische Frage zu stellen. Vielleicht liegt der therapeutische Weg in der Begleitung von Begegnung, von Verbindung mit der sozialen-materiellen Umwelt, mit der Natur, mit demjenigen, was Resonanz auslöst im Gegenüber, der Rat aufgesucht hat. Diese Relation zur Welt dient vielleicht dann als Hintergrundstrahlung, in der die Frage gehört werden kann.