Das Erschrecken vor sich selbst
Es ist ein bemerkenswerter Moment, wenn jemand erzählt, man habe sich über sich selbst erschrocken. Vielleicht über eine Aussage in Rage, eine aggressive Geste, die Lautstärke im Eifer des verbalen Gefechts - doch vielleicht bis hin zum Erschrecken über das tatsächliche Handgreiflichwerden oder über einen tiefen Impuls danach.
Die Frage scheint mir: Kann uns etwas an uns selbst erschrecken, das uns bekannt ist? Im Erschrecken steckt doch nicht nur die Furcht, sondern auch die Überraschung - in einem negativen Sinne. Überraschen kann jemanden gleichzeitig doch nur etwas, das unerwartet oder gar nicht bekannt war.
In dem Ausdruck, sich über sich selbst zu erschrecken, steckt in diesem Sinne auch ein Stück das Überraschtsein, von etwas, das man in sich nicht erwartet hatte.
Dieses Überraschende hat sich mehr als eine Erklärung, ein besonderer Fall ist jedoch die Wut nach traumatischen Erfahrungen. Und ich denke, in diesem Falle liegt dieses Unerwartete, dieses Überraschende und Überrumpelnde gar in dem Fremden und weniger in uns selbst. Der Aspekt, meist die Wut, wird als fremd, nicht zu sich gehörig, "ich-dyston" wahrgenommen. Und möglicherweise ist genau dies bei traumatischen Erfahrungen zumindest teilweise auch der Fall.
Es ist gut möglich, dass in diesen Fällen eine Wut herausbrach, die nur bedingt die eigene ist, erworben durch eine fremde bzw. durch eine Wut außerhalb von uns selbst. Bedingt durch Momente der Gewalt, die mit großer Machtlosigkeit verbunden waren. Über verschiedene Mechanismen wäre es denkbar, dass ein Teil der Wut des Aggressors zur Wut des Objekts der Gewalt wird. Möglicherweise durch die Ohnmacht, in der gleichzeitig ein unbändiger Wille zum Gegenschlag, zur Flucht erstickt und verdeckt in der Person verbleibt. Möglicherweise durch eine Spiegelung der Aggression des Gegenübers, um für einen kurzen Moment zu fühlen wie der Täter, um zu verstehen, wann der Moment zur Flucht am günstigsten wäre und worauf sich einzustellen ist.
Wenn eine Wut derart entstanden sein sollte, dann erstaunt es nicht, dass sie verdrängt werden muss. Sie ist mit so Unverdaulichem verbunden, sie ist nicht das, was die Person eigentlich sein will. Sie ist manchmal genau ihr Gegenteil und muss daher verdrängt werden, um nicht überwältigt zu werden von der Wut und zu einem "schlechten Menschen" zu werden.
In diesem Ausdruck, sich über sich selbst erschrecken, wird dann Verdrängung vielleicht deutlich und teilweise eine Spaltung, wenn das Aufkommen der massiven Wut zur Identifikation mit dieser Wut führt und plötzlich die ganze Person durchdrungen von ihr zu einer schlechten wird.
Und in der Therapie ist dann vielleicht die Hinwendung zur Wut ohne Fragen von Schuld ein erste Schritt die Verdrängung und Spaltung etwas zu lockern. Es wird bedeutsam, dass der Patient wirklich spürt, dass er nicht verurteilt wird. Es kostet Überwindung auf diesen Teil zu schauen, über den man erschrocken ist. Ein großer Schritt scheint mir darin genommen.